Welche Sehne wird dein neues Kreuzband?

Sportliche Übungen zur Rehabilitation

Kreuzband Transplantat: Welche Sehne wird dein neues Kreuzband – und spielt das überhaupt eine Rolle?

Autor: Daniel Hannemann, Physiotherapeut, Spezialisierung Kreuzband-Rehabilitation

Kurz zusammengefasst:

  • Bei der Kreuzband-OP wird kein Kunstmaterial verbaut: Das neue Kreuzband kommt aus deinem eigenen Körper.
  • Drei Sehnen kommen als Transplantat in Frage: die Hamstringsehne, Patellarsehne und Quadrizepssehne – jede mit eigenen Vor- und Nachteilen.
  • Du wirst meistens kein Mitspracherecht haben – und das ist in Ordnung. Der Operateur trifft die richtige Wahl für deinen Fall.
  • Nach rund einem Jahr unterscheiden sich die Ergebnisse der drei Sehnen kaum noch voneinander.
  • Was langfristig den Unterschied macht: nicht die Sehne, sondern die Qualität deiner Reha.

Du hast dir das Kreuzband gerissen und weißt jetzt, dass du operiert wirst. Früher oder später kommt die Frage: Welche Ersatzsehne erhalte ich eigentlich? Vielleicht hast du dazu schon ein Social-Media-Video gesehen, das dir erklärt, welches Transplantat „das beste“ sei. Lass dich davon nicht kirre machen.

Ich erkläre dir nachfolgend, welche drei Sehnen bei einer Kreuzband-OP zum Einsatz kommen, wo die wesentlichen Unterschiede liegen – und warum die Sehne am Ende vermutlich nicht das ist, worüber du dir die meisten Gedanken machen solltest.


Wichtig vorab: Bei der Kreuzband-OP kommt nur körpereigenes Material zum Einsatz

Das vordere Kreuzband heilt nicht von selbst nach. Es hat keine ausreichende Blutversorgung und liegt in einer ungünstigen mechanischen Umgebung. Wenn du operiert wirst, ersetzt der Chirurg das gerissene Band durch eine andere Sehne aus deinem eigenen Körper.

Das ist kein Kunstgelenk, kein Implantat aus Fremdmaterial. Die Sehne gehört zu dir, dein Körper kennt sie, und er wandelt sie über Monate in ein kreuzbandnahes Gewebe um. Diese Umwandlung läuft von selbst – benötigt jedoch ausreichend Zeit und den richtigen Belastungsreiz. Dazu kommen wir weiter unten.

In seltenen Ausnahmefällen – etwa wenn jemand bereits mehrfach am Kreuzband operiert wurde und kein eigenes Spendermaterial mehr verfügbar ist – kann biologisches Material von Körperspendern verwendet werden. In Deutschland sind Fremdsehnen unüblich und stellen Ausnahmefälle dar.


Die drei Sehnen, die als Kreuzband-Transplantat in Frage kommen

Kreuzband Transplantat Sehne Vergleich Hamstring Patella Quadrizeps

Hamstringsehne: der Allrounder

Die Hamstringsehne – genauer: die Semitendinosussehne aus der hinteren Oberschenkelmuskulatur – ist in Deutschland und Europa das mit Abstand am häufigsten verwendete Transplantat. Laut verfügbaren Registerdaten liegt der Anteil bei rund 80–90 Prozent aller Eingriffe.

Die Sehne wird seitlich am Knie über einen kleinen Schnitt von etwa 3 – 4 cm entnommen. Sie ist beim Herausnehmen 15 – 20 cm lang, aber relativ dünn – daher wird sie vierfach gefaltet und außerhalb des Körpers während der OP zusammengenäht. Das fertige Bündel hat dann die Dicke und Länge, die für das neue Kreuzband gebraucht wird.

Vorteile:

  • Kleiner Eingriff, wenig sichtbare Narbe
  • Die Kniebeuger kompensieren den Verlust gut
  • In der Regel unkompliziertere Reha im Vergleich zu den anderen Verfahren

Nachteile:

  • Knochen-zu-Knochen-Heilung ist bei dieser Sehne nicht möglich, die Einheilung dauert etwas länger
  • Bei gleichzeitiger Innenbandverletzung wird die Hamstringsehne häufig nicht genommen, weil diese Muskelgruppe das Innenband aktiv stabilisiert.

Was ich in der Praxis sehe: Seit Jahren kommen bei mir fast ausschließlich OP-Patienten mit verpflanzter Hamstringsehne an. Auch Patienten, die im Ausland operiert wurden, haben fast immer diese Sehne als Ersatz erhalten. Sie ist ein guter Allrounder – für sportlich aktive Menschen genauso wie für weniger Sportbegeisterte.

Patellarsehne: Knochen an Knochen

Die Patellarsehne verbindet deine Kniescheibe mit dem Unterschenkel. Für das Transplantat wird das mittlere Drittel entnommen – zusammen mit einem kleinen Knochenstück oben an der Kniescheibe und einem weiteren unten am Schienbeinkopf. Du hast also eine Sehne mit zwei Knochenenden.

Das klingt aufwendiger als es ist, hat aber einen konkreten Vorteil: Der Chirurg kann Knochen an Knochen fixieren. Und Knochen wächst deutlich schneller und stabiler zusammen als Knochen an Sehne. Die Einheilung ist dadurch in der frühen Phase stabiler und schneller.

Vorteile:

  • Rasche und stabile Einheilung durch Knochen-zu-Knochen-Verbindung
  • Hohe Reißfestigkeit des Transplantats

Nachteile:

  • Vorderer Knieschmerz beim Knien tritt häufiger auf als bei der Hamstringsehne
  • Wer beruflich oder im Alltag viel kniet (wie z.B. Fliesenleger, Arbeit im Kindergarten), sollte das mit dem Operateur besprechen.
  • Die Entnahme schwächt die Kniestreckung; das erfordert in der Reha entsprechende Aufmerksamkeit.

Bis etwa 2010 galt die Patellarsehne als Kreuzbandersatz in Europa als Standard. Heute wird sie deutlich seltener eingesetzt – vor allem im Hochleistungssport, wo jede Woche in der Reha zählt und die schnellere Einheilung den Ausschlag geben kann.

Quadrizepssehne: der Newcomer

Die Quadrizepssehne sitzt oberhalb der Kniescheibe und bildet den Ansatz des großen Oberschenkelmuskels. Sie ist die neueste der drei Transplantat-Optionen und war lange nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich bei Kreuzband-OPs vertreten.

Das ändert sich gerade. Die Technik ist ausgereifter geworden, die Expertise bei den Operateuren ist gestiegen, und die Transplantat-Ergebnisse haben sich den der anderen Sehnen angeglichen. Vereinfacht gesagt: ein Knochenstück auf einer Seite, Sehne auf der anderen.

Vorteile:

  • Gute Reißfestigkeit
  • Gewinnt in der Literatur als Revisionstransplantat an Bedeutung z.B. wenn Hamstring bereits entnommen wurde.

Nachteile:

  • Die Entnahme ist für den Operateur technisch anspruchsvoller
  • Weniger langfristige Daten im Vergleich zu Hamstring und Patella
  • Kein Mitspracherecht ist hier noch wichtiger: nicht jeder Operateur hat diese Technik regelmäßig im Repertoire.

Mein persönlicher Eindruck: Ich habe in der Praxis noch keinen Patienten mit einer Quadrizepssehnen-Plastik betreut. Das sagt weniger über die Qualität der Methode aus als über den aktuellen Verbreitungsgrad.


Kann ich mitentscheiden, welche Sehne mir eingesetzt wird?

Wahrscheinlich nicht – und das ist in Ordnung.

Kreuzband OP körpereigene Sehne Entnahme Knie

Du wirst vor der OP aufgeklärt und unterschreibst einen entsprechenden Aufklärungsbogen. In der Regel gibt der Operateur die zu verwendende Sehne vor, und das aus gutem Grund: In die Entscheidung fließen deine Begleitverletzungen ein, deine Beinachse, deine sportliche Belastung, deine berufliche Situation und die Erfahrung des Chirurgen mit den verschiedenen Techniken.

Es gibt Operateure, die ausschließlich mit einer bestimmten Sehne arbeiten. Jemanden zu zwingen, eine andere Sehne zu verwenden, ergibt wenig Sinn: Er oder sie hat dann weniger Übung, und das kann sich nachteilig auf das OP-Ergebnis auswirken. Ein:e Operateur:in mit 100-Hamstring-Plastiken im Jahr wird jene besser hinbekommen als die erste oder zweite Patellarsehne des Jahres.

Wonach du fragen könntest: Wie viele Kreuzband-OPs führt der Operateur pro Jahr durch? Etwa 50 sollten es mindestens sein. Nicht weil die Zahl alles sagt, sondern weil sie als Hinweis auf ein Spektrum an Erfahrung dient. Und hör hin, wie geantwortet wird. Ein:e Operateur:in, der oder die jeden Tag dazulernt, klingt anders als jemand mit übersteigertem beruflichem Selbstwertgefühl.


Nach einem Jahr spielt die Wahl der Ersatzsehne kaum noch eine Rolle

Der Knackpunkt, den Social-Media-Clips mit „das beste Transplantat für dich“ konsequent weglassen: Nach rund einem Jahr unterscheiden sich die klinischen Ergebnisse der verschiedenen Sehnen kaum noch voneinander. Die Anfangsunterschiede in Einheilung, Entnahmestelle und Belastbarkeit nivellieren sich, sobald die Reha abgeschlossen ist und der Körper seine Heilungsarbeit erledigt hat.

Der Körper wandelt jede dieser Sehnen im Laufe der Monate in ein kreuzbandnahes Gewebe um – dieser Prozess nennt sich Ligamentisierung. Es dauert. Bindegewebe verändert sich sehr langsam und benötigt Monate bis gut ein Jahr, um auf Belastungsreize zu reagieren. Dafür erfüllt Bindegewebe mit genügend Geduld seinen Zweck. Eine Studie, die ich auf einem Symposium präsentiert bekommen habe, hat bei einem Fußballkader vor und nach einer Saison die Kreuzband-Dicke per Ultraschall gemessen. Ergebnis: Die Sehnen waren nach der Saison dicker. Belastung baut Bindegewebe auf – genau wie Muskulatur.

Kreuzband Reha Training Sehne aufbauen

Das bedeutet: Du kannst aktiv dazu beitragen, dass dein Transplantat stärker wird. Nicht durchs naheliegende Schonen, sondern durch gezieltes Training im Grenzbereich – begleitet von deinem Physio.


Was am Ende wirklich den Unterschied macht: die Reha

Du kannst die weltbeste Kreuzband-OP des erfahrensten Operateurs bekommen. Wenn deine anknüpfende Reha schlecht ist, nutzt es dir wenig bis gar nicht. Keine neue Muskelkraft antrainiert, keine Koordinationsfortschritte erarbeitet oder das Transplantat nie richtig belastet – dann ist es am Ende egal, welche neue Sehne du erhalten hast.

Bitte versteh dies nicht als Drohung. Es spiegelt schlicht die Realität meiner über 20-jährigen Kreuzband-Reha-Erfahrung in der Praxis wider.

Auch dein Physio muss selbstverständlich ein Minimum an Erfahrung vorweisen. Wer nur zwei oder drei Kreuzband-Rehas im Jahr begleitet, hat keinen repräsentativen Einblick. Ich würde schätzen: 10 – 20 Kreuzband-Rehas pro Jahr sollte dein Physio schon durchführen, damit das gesamte Spektrum möglicher Komplikationen und unterschiedlicher Verläufe wirklich bekannt ist und berücksichtigt wird.

Das Sehnentraining funktioniert ähnlich wie das Muskeltraining – nur langsamer. Das Alfredson-Protokoll bei Achillessehnen-Problemen gibt dafür ein gutes Bild: 2 x täglich 3 Sätze à 15 Wiederholungen Wadenheben über 12 Wochen. Ein intensives Programm, das die Sehne nicht schont, sondern fordert. Und die Sehne wächst und gedeiht durch das beständige Training. Dasselbe Prinzip gilt für dein neues Kreuzband: Es wächst unter Belastung – nicht im Liegen.


Fazit: Was du jetzt tun kannst

Mach dir keinen Kopf über die Sehne. Die geeignete Wahl trifft höchstwahrscheinlich dein:e Operateur:in für dich – auf Basis einer deutlich breiteren Informationsbasis als du dir in der Kürze der Zeit aneignen könntest. Such dir jemanden, der oder die regelmäßig Kreuzband-OPs durchführt, dem du vertraust, und dann: lass los und konzentriere dich auf deine aktive OP-Vorbereitung!

Was du stattdessen deutlich mehr in die eigene Hand nehmen kannst: eine intensive Reha. Die fängt nämlich im besten Fall bereits vor der OP an und nicht erst danach. Und sie hört nicht vorschnell auf, wenn dein Knie sich wieder „halbwegs okay“ anfühlt.


Häufige Fragen

Welche Sehne wird bei der Kreuzband-OP am häufigsten verwendet?

In Deutschland und Europa ist die Hamstringsehne das mit Abstand gängigste Transplantat. Laut verfügbaren Registerdaten liegt ihr Anteil bei rund 80–90 Prozent aller Eingriffe. Sie gilt als guter Allrounder für sportlich aktive wie weniger aktive Patienten.

Kann ich selbst entscheiden, welche Sehne ich bekomme?

In der Regel nicht, und das ist auch in Ordnung. Der Operateur wählt die Sehne anhand deiner individuellen Situation: Begleitverletzungen, Beinachse, Beruf, sportliche Anforderungen und seine eigene Erfahrung mit der jeweiligen Technik spielen alle eine Rolle.

Spielt es langfristig eine Rolle, welches Transplantat ich bekommen habe?

Nach rund einem Jahr unterscheiden sich die Ergebnisse der verschiedenen Transplantate kaum noch voneinander. Die Unterschiede in der frühen Einheilungsphase nivellieren sich, sobald die Reha abgeschlossen und der Körper das Transplantat umgewandelt hat.

Was passiert mit der Stelle, von der die Sehne entnommen wurde?

Die umgebende Muskulatur kompensiert den Verlust über die Zeit. Die Entnahmestelle hat aber eigene Anlaufprobleme: Bei der Hamstringsehne kann die Kniebeugung vorübergehend schwächer sein, bei der Patellarsehne tritt häufiger vorderer Knieschmerz auf. Dein Physio sollte wissen, welche Sehne du bekommen hast – er erkennt es notfalls an den Narben – und die Reha entsprechend anpassen.

Wie lange dauert es, bis das neue Kreuzband vollständig eingeheilt ist?

Das hängt von der Sehne und vom individuellen Verlauf ab. Als Orientierung: Die biologische Umbauprozess des Transplantats (Ligamentisierung) läuft über Monate und ist frühestens nach 9–12 Monaten weitgehend abgeschlossen. Bindegewebe reagiert auf Belastung, aber langsam – das ist normal.



Dieser Artikel gibt allgemeine Informationen rund um die Kreuzband-Rehabilitation und ersetzt keine individuelle Diagnose, Therapie oder ärztliche bzw. physiotherapeutische Beratung. Wenn du unsicher bist, wie dein Stand in der Reha ist: Sprich mit deinem Behandlungsteam.